Ein zunehmender Anteil der Emissionen wird außerhalb Europas entstehen. Während die EU derzeit darauf fokussiert ist, sich selbst zu dekarbonisieren, sollten ihre Ressourcen auch global eingesetzt werden. Vom dringenden Anpassungsbedarf bis hin zu einer Gegenreaktion auf den europäischen Green Deal ist das eigene Haus nicht vollständig in Ordnung. François Gemenne spricht darüber, wie die EU und ihre Grünen Parteien extern und intern einen Strategiewechsel vornehmen können.
Green European Journal: Wie werden die Auswirkungen der Klimakrise Europa in den kommenden Jahrzehnten verändern?
François Gemenne: Das hängt in erster Linie von den Entscheidungen ab, die gerade jetzt in Kairo, Jakarta, Lagos, Mexico City und Delhi getroffen werden. Mindestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts wird die Klimazukunft Europas nicht von dem abhängen, was Europa tut, sondern von dem Entwicklungsweg, den die Länder des globalen Südens einschlagen. Das Problem ist, dass Europa heute zu sehr auf sich selbst fokussiert ist und nicht ausreichend auf die Entscheidungen, die in Kairo und Jakarta getroffen werden. Europäische Länder haben natürlich absolut kein Recht oder keine Legitimität, diesen Ländern zu sagen, wie sie sich entwickeln sollten. Wir können keinem Land sagen, es soll seine fossilen Brennstoffe im Boden lassen. Aber wir müssen viel enger mit ihnen zusammenarbeiten als wir es derzeit tun. Europas Priorität muss es sein, Investitionen in ihre Energieübergänge zu fördern und den Zugang zu kohlenstoffarmen Technologien weltweit zu erhöhen. Wenn wir das nicht tun, werden sie fossile Ressourcen anzapfen, und damit ihre Entwicklung vorantreiben.
Es bringt nichts, wenn Europa zu einer dekarbonisierten Insel in einem Meer von Kohlenstoff wird.
Also muss Europa über einen globalen grünen Übergang nachdenken, anstatt sich als der „erste klimaneutrale Kontinent der Welt“ zu rühmen, wie die EU-Kommission es getan hat?
Europa denkt, es wird im Klimawandel mit gutem Beispiel vorangehen, und alle anderen Länder der Welt werden folgen. Doch so funktioniert das nicht, insbesondere im aktuellen geopolitischen Kontext, in dem das europäische Modell nicht positiv gesehen wird. Viele Staaten – ich denke zum Beispiel an einige afrikanische Regierungen – betrachten erneuerbare Energien als Mittel für Europa, die Dominanz über die Länder des globalen Südens zu bekommen. Sehr oft denken Europa und andere industrialisierte Länder, dass sie ihren Beitrag leisten sollten, und dass dieser Beitrag auf den Anteil an Treibhausgasemissionen begrenzt ist, den sie repräsentieren. Das ist ein Ansatz der niemals funktionieren wird. Bis 2030 wird Europa etwa 12 Prozent der Emissionen ausmachen. Bis 2050 werden es weniger als fünf Prozent sein. Es bringt nichts, wenn Europa zu einer dekarbonisierten Insel in einem Meer von Kohlenstoff wird. Wenn Europa nicht aufpasst, wird genau das passieren.
Es geht also nicht in erster Linie um Altruismus, sondern um das Interesse Europas, den Kampf gegen den Klimawandel voranzubringen. Welche Hebel stehen Europa dazu zur Verfügung?
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Damit Entwicklungsländer einen anderen Entwicklungsweg einschlagen können, müssen wir ihnen einige Alternativen anbieten. Im Moment bleiben die Investitionen in kohlenstoffarme Energie im globalen Süden dramatisch niedrig. Europa sollte sich verpflichten, mit Ländern auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, um diese Investitionen zu erhöhen. Europa hat genügend Geld, Investoren, große Banken und Technologien: es hat die entsprechenden Hebel zur Verfügung. Das Problem ist, dass Europa darauf fokussiert ist, Klimatechnologien für sich selbst zu entwickeln. Das gleiche gilt für die der Kernenergie und die künstliche Intelligenz. Es reicht nicht aus, die europäischen Energiesysteme zu verbessern. Es ist entscheidend, diese Technologien weltweit verfügbar zu machen.
Inwieweit scharen sich Länder und globale Führungspersönlichkeiten um Klimafragen?
Die bloße Existenz der COP (der jährlichen globalen Klimakonferenz der Vereinten Nationen) und des Pariser Abkommens zeugt davon dass Länder auf der ganzen Welt sich um ein globales Problem scharen, das einer kollektiver Lösungen bedarf. Alle Länder haben sich darauf geeinigt, etwas zu unternehmen, und sind eine formelle Verpflichtung dazu eingegangen, auch wenn sich das, was folgte, als unzureichend erwiesen hat. Unklar ist, wie sich die aktuellen geopolitischen Spaltungen auf die Klimaverhandlungen auswirken werden. Zur Zeit des Pariser Abkommens im Jahr 2015 war die globale Gemeinschaft weit weniger gespalten als heute. Ich bezweifle, dass das Pariser Abkommen heute erfolgreich ausgehandelt werden könnte. Man kann sich darüber beschweren, dass die COPs zu schwerfällig und kostspielig sind oder dass sie zu viel Kohlendioxid ausstoßen und dass sie in Dubai, umgeben von Lobbyisten, abgehalten werden. Aber dieses Treffen bleibt ein kleines Wunder.
Wenn Europa seine Klimadiplomatie entwickeln will, sollte es mehr politische Energie in die COPs investieren oder sich auf andere kleinere Initiativen konzentrieren?
Bilaterale oder kleinere multilaterale Initiativen stehen nicht im Widerspruch zu den COPs. Allianzen zwischen Ländern, aber auch Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen sind die effizientesten Wege, wie COPs vorankommen können. COPs sollten nicht nur anhand der Einigungen bewertet werden, die von Regierungen erzielt werden, sondern auch nach den anderen Initiativen, die gedeihen können. Hier kann Europa ein Beispiel setzen. Wenn die Europäische Union mit der Einführung des Euro bis zur Einstimmigkeit gewartet hätte, würden wir immer noch mit belgischen Franken bezahlen. Stattdessen war es eine kleinere Koalition von Ländern, die den Weg für den Euro ebnete, während andere schrittweise dazugekommen sind. Wir müssen den Pionieren erlauben, vorzupreschen, statt auf die Nachzügler zu warten.
Europa wird nicht vor den klimatischen Auswirkungen verschont bleiben, und es wird immer klarer, dass es äußerst unvorbereitet ist.
Zurück zu den Auswirkungen des Klimas: Wie werden sie Europa ändern?
Extreme Wetterereignisse wie plötzliche Überschwemmungen, Dürreperioden und Hitzewellen werden an Häufigkeit und Intensität weiter zunehmen. Das Klima wird sich insgesamt stark wandeln. Brüssel wird heute das Klima von Lyon haben, während Lyon das Klima von Tunis oder Rabat haben wird. Stockholm wird ein Klima haben, das mit dem von Brüssel heute vergleichbar ist. Was wir sehen werden, ist eine Verschiebung nach Norden, die auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben wird. Diese Verschiebungen erfordern umfassende Antworten, und zwar, von einer Neudefinition der gemeinsamen Agrarpolitik der EU bis hin zu neuen Maßnahmen zum Schutz der Arbeitsbedingungen und zur Aufrechterhaltung der Produktivität sowie zum Schutz vor neuen Risiken für die Infrastruktur.
Was muss Europa tun, um sich an das sich verändernde Klima anzupassen?
Lange Zeit dachte Europa, es sei immun gegen die Folgen des Klimawandels. Es fühlte sich gewissermaßen unverwundbar und war der Meinung, dass die Anpassung in der Verantwortung der Länder des globalen Südens liegt, während die Aufgabe Europas darin besteht, die Treibhausgasemissionen zu mindern. Heute wissen wir es besser.
Europa wird nicht vor den klimatischen Auswirkungen verschont bleiben, und es wird immer klarer, dass es äußerst unvorbereitet ist: Überschwemmungen in Belgien und Deutschland im Jahr 2021, Brände und Dürre in Frankreich im Jahr 2022, Brände und Überschwemmungen in Griechenland in diesem Jahr. Wir haben gesehen, wie extreme Wetterereignisse schnell außer Kontrolle geraten können und wie Grundausstattung und Schulungen fehlen.
Die Anpassung des europäischen Kontinents betrifft aber nicht nur klimatische Extreme. Wir müssen in die Infrastruktur gegen den Anstieg des Meeresspiegels investieren, mit Landwirten zusammenarbeiten, um landwirtschaftliche Prozesse zu transformieren, und die Industrien bei der Umstellung und der Absicherung Ihrer Lieferketten unterstützen. In Bezug auf die Anpassung muss Europa auch erkennen, dass es viele Lektionen vom globalen Süden zu lernen gibt, der über einige dieser Probleme schon viel länger nachdenkt.
Vier Jahre nach dem Europäischen Green Deal, wie würden Sie ihn insgesamt bewerten?
Es gab Rückschläge, aber insgesamt war er ehrgeizig und relativ erfolgreich. Der Green Deal bietet die Chance, ein neues Modell für die europäische Wirtschaft zu entwickeln. Heute sieht sich der Green Deal jedoch einer populistischen Gegenreaktion gegenüber, die die europäischen Institutionen viel ernster nehmen sollten. Viele Menschen, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, betrachten den Green Deal als Beschränkung und nicht als Chance.
Wenn die EU darauf aus ist, den Green Deal in den Antrieb für ein neues Wirtschaftsmodell umzuwandeln, muss sie effektiver kommunizieren, damit die Menschen etwas anderes als Bürokratie und Vorschriften sehen. Natürlich sind einige der Mängel des Green Deal das Ergebnis politischer Kompromisse und Verhandlungen. Doch in Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit muss ein erheblicher Aufwand betrieben werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass der reale Rückschlag gegen Umweltpolitik den Green Deal gefährdet und das gesamte Gebäude zusammenbricht.
Die Grünen haben mit dieser Ablehnung der Umweltpolitik zu kämpfen. Warum sind sie besonders anfällig?
Die Grünen wurden auf der Grundlage eines Konsens und einer Diagnose gegründet: Die Umweltlage war schlecht, und es musste etwas unternommen werden. Aber wenn es darum geht, was unternommen werden muss, und insbesondere um die Verknüpfung von Umweltpolitik mit sozialer und wirtschaftlicher Politik, fehlt es den Grünen an Konsens. Es gibt ein Paradoxon, dass man von den Grünen erwarten würde, dass sie besser abschneiden, wenn die Situation schlechter aussieht. Aber die Realität ist genau das Gegenteil, weil viele ihrer bevorzugten Lösungen als von oben auferlegt und unzureichend mit wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen verknüpft angesehen werden.
Muss der Klimaschutz für die Menschen sichtbar gemacht werden, mit bedeutenden Investitionen in den öffentlichen Verkehr und in die Infrastruktur erneuerbarer Energien.
Hinzu kommt, dass dort, wo die Grünen in der Regierung waren, sie nicht viel erreicht haben. In Belgien besetzen die Grünen die Ministerien für Verkehr, Energie und Umwelt. Als belgischer Bürger habe ich, abgesehen von einigen interessanten Initiativen auf lokaler Ebene, nicht viel Wandel gesehen. In Deutschland hat Robert Habeck ein riesiges Ministerium eingerichtet, das das Wirtschaftsministerium und das Klimaministerium zusammenbrachte. Was wir gesehen haben, sind neue Kohlebergwerke und andere politische Maßnahmen, die die Wählerschaft vor Herausforderungen stellen. Wir haben es letztendlich mit Klimaaktivisten zu tun, die Kampagnen fahren gegen eine Regierung, in der die Grünen eine wichtige Rolle spielen.
Wenn der grüne Übergang als Zumutung wahrgenommen wird und dadurch gefährdet ist, wie kann er dann wünschenswerter gemacht werden?
Um die Menschen von der Notwendigkeit des Klimaschutzes zu überzeugen, haben wir uns bisher stark darauf konzentriert, was passieren würde, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Wir haben uns auf katastrophale Visionen davon konzentriert, wie Europa aussehen würde. Das Problem ist, die Menschen wissen sehr gut, dass es eine lange zeitliche Lücke zwischen den Emissionen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort und den Auswirkungen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort gibt. Die Menschen wissen, dass die Auswirkungen in Europa von vergangenen Emissionen abhängen und von
Emissionen in China und den USA genauso wie von dem, was Europa heute tun kann. Es ist also falsch, zu versuchen, die Menschen zum Handeln zu bringen, indem man betont, was schiefgehen kann.
Ich denke, dass der Weg, Menschen zum Handeln aufzufordern darin besteht, ihnen zu zeigen, warum es in ihrem besten Interesse ist. Dafür muss der Klimaschutz für die Menschen sichtbar gemacht werden, mit bedeutenden Investitionen in den öffentlichen Verkehr und in die Infrastruktur erneuerbarer Energien, um die Energiekosten zu senken.
Müssen wir uns von US-Präsident Bidens Inflationsbekämpfungsgesetz inspirieren lassen?
Das Interessante an Bidens Plan ist, dass er deshalb erfolgreich ist, weil er gerade nicht als Klimaschutzplan, sondern als Inflationsbekämpfungsgesetz bezeichnet wird. Viele Menschen betrachten Klimaschutz als etwas, das sie nicht wollen, aber jeder macht sich Sorgen über die Inflation. Wenn die Menschen sehen, dass der Inflation Reduction Act neue Arbeitsplätze für die amerikanische Wirtschaft schafft und neue Infrastrukturen aufbaut, dann kann Biden sagen: „Sehen Sie doch, wie der Klimaschutz in Ihrem Interesse ist“. Tragischerweise musste Europa auf den Krieg in der Ukraine warten, um die Bedeutung einer europäischen Vision für die Energiepolitik zu erkennen.
Klimamaßnahmen werden viel öffentliche Mittel kosten, und es gibt bereits zahlreiche Forderungen an die Staatsausgaben. Wie sollten wir den grünen Übergang finanzieren?
Wir sollten mehr tun, um privates Geld zu mobilisieren. Die Europäer haben viel Erspartes auf der Bank. In Frankreich liegt die Gesamthöhe der Sparguthaben der privaten Haushalte zwischen 4.000 und 6.000 Milliarden Euro. Das ist enorm – das entspricht etwa fünf Prozent des globalen BIP, wenn man nur das Sparguthaben der Franzosen sieht. Wenn die EU-Kommission Anleihen oder bedeutende Investitionsmöglichkeiten anbieten würde, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Europäer bereit wären, sich zu beteiligen und ihr Geld sinnvoll zu investieren.
Umweltbewegungen haben sich seit langem gegen Megaprojekte und die mit großen Infrastrukturprojekten einhergehenden Umweltschäden ausgesprochen. Brauchen wir jetzt einen Umweltaktivismus, der etwas aufbaut?
Auf Französisch sagen wir, man kann nicht „le beurre et l’argent du beurre “haben. Das entspricht dem deutschen Sprichwort: „Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen.” Wir müssen akzeptieren, dass Klimaschutz massive Infrastrukturprojekte erfordern wird und es manchmal einen Ausgleich zwischen Klimapolitik und Biodiversitätspolitik geben muss. Für die Grünen bedeutet das nicht nur zu sagen, dass wir Flugzeuge am Boden halten oder Autos abschaffen müssen. Das grüne Denken muss aufhören, sich auf die Welt zu konzentrieren, die sie nicht wollen, und zeigen, wie die Welt aussieht, die wir wollen.
Was halten Sie von einer Klimapolitik, die sich auf den überproportionalen Kohlenstoffverbrauch wohlhabender Menschen konzentriert, wie z.B. das Verbot von Privatjets oder Einschränkungen für SUV-Fahrer?
Diese Maßnahmen geben Aktivisten ein gutes Gefühl, weil sie die Vorstellung stärken, dass sie für eine gute Sache kämpfen. Der Effekt für die meisten Menschen ist, dass sich die Vorstellung erhärtet, Klimaschutz bedeute Einschränkungen und Verbote. Wenn die Menschen hören, dass Klimaaktivisten Jets, Autos oder sogar Golf verbannen wollen, denken sie: „Was kommt als Nächstes? Bin ich der Nächste? Ist Fleisch das Nächste?” All diese Slogans schaffen Angst und führen zu verlorenen Stimmen und weniger Unterstützung in öffentlichen Debatten. Es geht nicht darum, die Menschen von den Vorteilen des Übergangs zu überzeugen.
Wir müssen mehr darüber nachdenken, wie wir Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten erreichen können.
Ich denke nicht, dass wir Privatjets für Geschäftsreisende verbannen sollten. Wir sollten Hochgeschwindigkeitszüge attraktiver machen. Die Grünen lieben Nachtzüge. Aber ich geschäftlich viel unterwegs, und ich werde nicht mit Nachtzügen fahren, und die meisten Geschäftsreisenden auch nicht. Ich habe Kinder zu Hause und arbeite bereits viel, also werde ich nicht eine Nacht unterwegs verbringen, wenn es eine einfachere Option gibt. Von Paris nach Berlin mit dem Nachtzug ist nichts für Geschäftsreisende, sondern für junge Leute. Von Paris nach Berlin in sechs Stunden mit dem Hochgeschwindigkeitszug und Hochgeschwindigkeitsinternet – das wird bei Geschäftsreisenden punkten.
Wir müssen verschiedene Gruppen berücksichtigen, wenn wir über die Politik der Bahn nachdenken, und das Gleiche gilt für alle anderen Maßnahmen. Manchmal scheint es, als seien die Grünen zu eifrig dabei, ihre Stammwählerschaft zu erfreuen. Wir müssen mehr darüber nachdenken, wie wir Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten erreichen können.
Wenn Sie denken, dass man durch Reichen-Bashing die Arbeiterklasse anzieht, dann ist das nicht richtig. Die meisten Menschen wollen gut leben. Sie möchten reich sein. Durch Angriffe auf die Reichen spricht man vor allem die obere Mittelschicht an – die Menschen, die bereits genug Geld haben und wissen, dass sie wahrscheinlich nie viel mehr verdienen werden.
Wie hat der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise die Klimafrage in Europa verändert?
Der Krieg in der Ukraine bot eine Möglichkeit, diejenigen, die sich um das Ende der Welt sorgen, mit denen zu versöhnen, die sich um das Ende des Monats sorgen. Plötzlich existierte das Dilemma zwischen Klimaschutz und Erschwinglichkeit nicht mehr. Das Dilemma wurde nicht gelöst. Es wurde einfach beseitigt.
In vielerlei Hinsicht ist es am einfachsten, die Menschen von den grundlegenden Vorteilen des Klimaschutzes zu überzeugen, wenn man das ganze aus einer anderen Perspektive betrachtet. Mit einer größeren Kapazität an erneuerbaren Energien wäre Europa nie in die Krisensituation geraten, in der wir uns im Jahr nach der Eskalation des Krieges in der Ukraine befanden. Viele Menschen, die soziologisch nicht so nahe bei den Grünen stehen oder die sich einfach nicht so sehr um die Umwelt kümmern, erkennen das ebenfalls. Die gleiche Logik könnte auch international der Ausgangspunkt sein. Europa muss seine grüne Diplomatie entwickeln, und ich denke, dass hier noch sehr viel Potenzial steckt.
Was sollte nach 2024 im Zentrum des Europäischen Green Deal stehen?
In erster Linie öffentliche Investitionen. Bislang ging es beim Green Deal hauptsächlich um Regulierung. Erst durch Investitionen in den öffentlichen Dienst, Transport und Infrastruktur werden die Menschen feststellen,
dass Klimaschutz in ihrem besten Interesse ist. Wir müssen sicherstellen, dass Klimaschutz mehr bietet als Einschränkungen, Steuern und Kürzungen.
Zweitens muss Europa den Green Deal für die Menschen sichtbar machen. Menschen in ganz Europa müssen wissen, was der Green Deal für sie tut. Sie müssen wissen, dass der neue Bahnhof durch den Green Deal finanziert wird.
Öffentliche Investitionen, die europaweit richtig kommuniziert werden, können die Menschen davon überzeugen, dass der Green Deal auch für sie relevant ist.
