Trotz ihrer langen Geschichte in Europa und ihres Status als größte ethnische Minderheit werden Roma weiterhin als „ewige Fremde“ wahrgenommen und haben Gewalt, Marginalisierung und Ausschluss erlitten. Ein echtes Zugehörigkeitsgefühl für die Roma in Europa kann nur auf der Anerkennung der bestehenden Machtverhältnisse basieren.

Obwohl die Roma seit mindestens dem 11. Jahrhundert1 in Europa sind, werden sie oft als ewige Migranten oder „Fremde“ angesehen, wie der deutsche Soziologe Georg Simmel es beschreibt.2 Sie leben neben uns, doch wir kennen sie nicht wirklich; sie sind gleichzeitig nah und fern. Und was wir zu wissen glauben – aus Medienberichten und flüchtigen Begegnungen – sind oft nicht mehr als Stereotype und Vorurteile.

In seinem Artikel aus dem Jahr 2012 „Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ argumentiert der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal, dass, da die Roma ihre eigene Geschichte nicht niederschreiben konnten und sie vielmehr von anderen geschrieben wurde – deren Wahrnehmungen die Erzählung stark prägten. Er ist der Meinung, dass die Roma eine moderne, europäische Erfindung sind und das Bild, das sie repräsentiert, verzerrt ist. In seinem Buch „Roma in Europe“ von 2007 stellt der Soziologe und Roma-Experte Jean-Pierre Liégeois fest, dass die Einstellungen gegenüber den Roma durch ein Maß an „romantischer Sympathie“ definiert werden können, aber die negativsten Stereotype wiederbelebt werden, sobald soziale Spannungen auftreten. Verbreitete Überzeugungen über Roma-Gemeinschaften können ebenso verzerrt sein. Die Ansicht, dass die Roma einen nomadischen oder halbnomadischen Lebensstil führen, ist oft unbegründet, da viele Roma inzwischen tatsächlich sesshaft sind, während die Behauptungen, die Roma-Kultur mit einer allgemeinen Missachtung von Regeln zu verknüpfen, der Tatsache widersprechen, dass das Leben der Roma durch komplexe soziale Verhaltensnormen geregelt wird.

Acting Out: Arts and Culture Under Pressure – Our latest print edition is out now!

Read it online or get your copy delivered straight to your door.

Anderes und Subversion

Um das Fehlen der Zugehörigkeit der Roma zu den nicht-Roma-Gesellschaften, mit denen sie leben, zu erklären, identifiziert der rumänische Kultur Anthropologe Vintilă Mihăilescu drei Elemente der „Roma-Bedingung”. Das erste ist die Beziehung der Roma zum Land. Mihăilescu stellt fest, dass es keine Beispiele für signifikante Zahlen von Roma gibt, die Bauern oder Landwirte geworden sind, bei welchen ihre Wurzeln und Ressourcen vom Land abhängen würden. Dies führte dazu, dass die Roma von den Anwohnern als „absolutes Anderes“wahrgenommen wurden. Mihăilescu stellt in den Raum, dass die Mobilität der Roma tatsächlich durch die Suche nach Existenzgrundlagen getrieben wurde. Darüber hinaus verweist er auf die Zeit der Versklavung der Roma auf dem Gebiet des heutigen Rumänien (nachfolgend detaillierter erörtert), als die meisten Roma ein sesshaftes Leben führten, und postuliert, dass der Nomadismus von den „Gastgesellschaften“ erfunden wurde und als ausdrücklicher oder stillschweigender Betreiber sozialer Kategorisierung und Stigmatisierung fungierte.

Das nächste Element der „Roma-Bedingung“ ist ihre Beziehung zum Raum. Der Raum im allgemeinen und das Land im Besonderen bieten den Roma kein Gefühl von Identifikation oder Zugehörigkeit. Da sie sich nicht einem „Kult des Territoriums“ unterwerfen, haben die Roma keine Skrupel, die Interessen anderer an deren Eigentum zu verletzen, und sind deshalb bereit, sich auf jedem verfügbaren Land niederzulassen. Da ihnen Land entzogen wurde und sie kein Interesse daran haben, beziehen sich die Roma auf eine andere Kategorie von Ressourcen – nämlich auf ihr eigenes Handwerk, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Mihăilescu merkt an, dass dies die Roma oft zu einem integralen Bestandteil ihrer „Gastgesellschaften“ und ihrer wirtschaftlichen Funktionsweise machte – was bedeutet, dass die soziale Inklusion der Roma viel tiefer war, als allgemein angenommen wird.

Das dritte Element der „Roma-Bedingung“ ist ihre Beziehung zu Eigentum. Abgesehen von seltenen Ausnahmen neigten die Roma nicht dazu, signifikanten Besitz anzuhäufen; ihre wertvollsten Besitztümer wurden normalerweise mit dem Wagen transportiert. Daher war ihre wirtschaftliche Tätigkeit überwiegend auf das Überleben ausgerichtet, nicht auf Wachstum. Dies führte zur Vorstellung von den Roma als einer „Wirtschaft des Abfalls”, was erheblich zur Reproduktion ihres marginalen Status beitrug.

Die Abschaffung der Sklaverei das wichtigste gesellschaftliche Ereignis in der modernen Geschichte Rumäniens war.

Interessanterweise ist Mihăilescu der Auffassung, dass diese drei Elemente – ein Mangel an Bindung an einen Ort, ein Mangel an Eigentum und die Ausübung einer Dienstleistungswirtschaft, die auf einer peripatetischen Basis je nach Verfügbarkeit von Chancen angeboten wird – eine Art Umkehr-Ritual erleichtern, das durch die Darstellung eines Spiegelbildes der nicht-Roma-Gesellschaft die explizite Dominanz der Gastgesellschaften auf den Kopf stellt und die Subversion des Status quo erlaubt.

Sklaverei, Emanzipation und Migration nach Westen

Laut dem Experten für Minderheiten und marginalisierte Gemeinschaften Aidan McGarry3 wird bei der Konstruktion von Mainstream-Identität in der Regel eine Außenseiter-Person – eine Person, die nicht dazugehört – als Gegenstück bestimmt. Ein sozialer Raum wird konstruiert, und diejenigen, die als nicht zugehörig angesehen werden, werden sowohl physisch als auch konzeptionell aus ihm ausgeschlossen. In Europa werden Roma sowohl physisch als auch konzeptionell außerhalb des Raums platziert, der den Nicht-Roma gehört, und als Bedrohung für die Europäer interpretiert.

Das eklatanteste Beispiel für einen Ausschluss ist die Versklavung der Roma auf dem Gebiet des heutigen Rumänien von mindestens 1385 bis 1856. Dies stellte die Roma nicht nur außerhalb der Gesellschaft; es schloss sie aus der Kategorie des Menschlichen aus. Sklaven waren wie Dinge: sie konnten gekauft und verkauft, geschenkt, vererbt, mit einer Mitgift versehen und anstelle von Schulden gegeben werden. Ähnlich wie in den USA boten die beiden rumänischen Fürstentümer nach der Abschaffung der Roma-Sklaverei in 1855-1856 den Eigentümern Entschädigungen für die erlittenen wirtschaftlichen Verluste, jedoch nicht den Sklaven selbst.

Der Romahistoriker Petre Petcuț4 erklärt, dass die Abschaffung der Sklaverei das wichtigste gesellschaftliche Ereignis in der modernen Geschichte Rumäniens war. Es löste zwei langanhaltende Phänomene aus: staatliche Versuche, diese neuen Bürger zu integrieren/zu assimilieren – die noch immer nicht abgeschlossen sind – und dramatische Ungleichheit zwischen den Emanzipierten und dem Rest der Bevölkerung. Die oberflächliche Politik der Abolitionisten, die angeblich darauf abzielten, ehemalige Sklaven in die Gesellschaft zu integrieren, schufen stattdessen eine eigene Bürgergruppe. Viele Menschen wurden einfach auf die Straße geworfen und gezwungen, zu Landstreichern zu werden, Bevölkerungen wurden vertrieben und ganze Gruppen wurden staatenlos.

Ehemalige Sklaven wurden vom Landbesitz ausgeschlossen, was es ihnen erschwerte, sich dauerhaft niederzulassen und einen Platz in der rumänischen Gesellschaft zu finden. Petcuț nennt das Beispiel eines emanzipierten 4 Petre Petcuţ (2015). Rromii: Sclavie şi libertate: Construirea şi emanciparea unei noi categorii etnice şi sociale la nord de Dunăre. București: Centrul Naţional de Cultură a Romilor, p. 10. 5 Petre Petcuț (2022). “Regimul administrativ al nomazilor în România și în Franța. 1856-1938”, in Adrian-Nicolae Furtună (ed.). Culegere de Studii Rome. București: Editura Centrului de Cultură a Romilor, pp. 166-209. Schmieds, der der einzige Einwohner eines Dorfes war, dem kein Land zugewiesen wurde. Infolgedessen war er nicht in der Lage, das Einkommen seiner Familie durch Landwirtschaft zu ergänzen; höchstens konnten er und seine Familie als Tagelöhner arbeiten. Die Nachkommen dieser Familie, die ebenfalls landlos waren, waren gezwungen, im Familienberuf zu bleiben. Durch diese Art von Politik bleiben die Roma in einer Art sozialer Peripherie am Rande der rumänischen ländlichen Gesellschaft.

Ein weiteres wichtiges Phänomen, das durch die Emanzipation der Roma ausgelöst wurde, war eine Migrationswelle von hauptsächlich nomadischen Roma nach Westeuropa. Aufgrund mangelnder Kenntnisse von Roma-Kultur und -Praktiken wurden diese Nomaden zum Ziel permanenter Druckausübung, verdächtigt, Straftaten zu begehen oder illegal zu sein. Die Vermischung von Nomaden und Delinquenten durch die öffentlichen Behörden und in der öffentlichen Meinung wurde in den Ländern Europas immer häufiger – die Roma wurden beschuldigt, Dörfer auszurauben, unbefugt Grundstücke zu betreten und Kinder zu entführen – und besteht auch weiterhin.

Petre Petcuț5 beschreibt die Figur des „bedrohlichen, nomadischen Zigeuners“, der zu einem unbestimmten Bild in einer Welt wird, die von politischer Gewalt und Rassismus dominiert wird, wo Legenden und Ungeheuer aufeinandertreffen. Er betont, dass die Darstellung des „nomadischen Zigeuners“, der stiehlt, Kinder entführt oder sogar vergewaltigt und mordet, das Ergebnis des populären kulturellen Konsums ist und keine echte Gefahr für die Mehrheit der Gemeinschaft darstellt, und hebt hervor, dass die Bewegungsfreiheit der Roma hauptsächlich mit der Ausübung ihres Berufs oder Handwerks verbunden ist.

Kontrollsysteme, Vertreibung und Genozid

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Mobilität der Roma zu einem internationalen Thema in Europa. Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit begannen, die Mobilitätsparameter der Roma-Gruppen zu beeinflussen. Die gegenseitigen Ausweisungen, die zwischen Frankreich und Belgien, Frankreich und der Schweiz sowie Frankreich und Italien stattfanden, demonstrierten das Ausmaß einer Roma-feindlichen Stimmung und waren begleitet von der Entwicklung eines noch rigideren Systems der Überwachung und Kontrolle nomadischer Roma-Gruppen. Die Schweiz schlug die Einrichtung einer Kommission mit supranationalen Befugnissen vor, die auf europäischer Ebene für das „Zigeunerproblem“ zuständig sein sollte, doch diese Initiative scheiterte – vor allem an Italiens, das die Roma als ausschließlich zu den Staaten Mitteleuropas und des Balkans gehörend betrachtete, sowie wegen der Weigerung anderer Staaten, die Roma zu „nationalisieren“, während sie sich in einem Strudel aus Nationalismus und Angst gegenüber Ausländern befanden.6

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschlechterte sich die Situation deutlich. 1940 begann die deutsche Polizei, Roma aus dem nationalsozialistischen Deutschland und Österreich in das von Deutschland besetzte Polen zu deportieren – vorwiegend nach Auschwitz-Birkenau, wo im Februar 1943 ein „Zigeunerfamilienlager“ eingerichtet wurde. Bis Ende 1943 lebten 18.736 Roma in dem Lager, von denen etwa 9.500 unter 15 Jahre alt waren. Fast 400 Kinder wurden dort geboren.7

Insgesamt sollen etwa 21.000 Roma aus 12 Ländern in Auschwitz-Birkenau ermordet worden sein. Ein ähnliches Schicksal erlitten Roma in anderen Konzentrationslagern. Viele weitere waren Opfer der sogenannten Einsatzgruppen – paramilitärischer Todesschwadronen, die sowohl einzelne Juden als auch Roma sowie ganze Gemeinschaften exekutierten. Die genaue Zahl der Roma, die auf diese Weise getötet wurden, ist nicht bekannt, doch es wird geschätzt, dass es 180 Massengräber in der Ukraine, Weißrussland, dem ehemaligen Jugoslawien und Polen gibt.8 Wissenschaftler wie Angus Frazer, Jean-Pierre Liégeois und Ian Hancock schätzen, dass mindestens eine halbe Million Roma aus ganz Europa während dessen, was als „Roma Holocaust“ bekannt wurde, ums Leben kamen.

Der Roma-Völkermord in der öffentlichen Diskussion selten erwähnt und nicht ausreichend untersucht.

Am 15. April 2015 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution, die den Völkermord an den Roma anerkennt und den August zum europäischen Roma-Holocaust Gedenktag erklärt. Das Datum wurde zum Gedenken an das Massaker an den fast 3000 Roma-Männern, -Frauen und -Kindern gewählt, die in der Nacht des 2. August 1944 im Zigeunerfamilienlager verblieben waren und dort von SS-Truppen festgehalten wurden. (Laut einigen Quellen lag die Zahl der Todesopfer bei über 4000.) Dennoch war der Weg zur Anerkennung nicht einfach: Die Roma mussten kämpfen, als Opfer des Holocaust anerkannt zu werden. Sie wurden von den Nürnberger Prozessen ausgeschlossen, da ihre Verfolgung auf sozialen nicht aber auf rassischen Kriterien beruhte, wie es bei Juden der Fall war.

Am Karfreitag 1980 unternahmen Roma-Rechtsaktivisten unter der Leitung von Romani Rose – dem Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma seit dessen Gründung – einen verzweifelten Versuch, den deutschen Staat zur Anerkennung der Verfolgung der Roma aufgrund rassischer Gründe zu bewegen, und traten in den Hungerstreik. Dank ihrer Bemühungen erkannte Kanzler Helmut Schmidt offiziell an und betonte die Verpflichtung zur Entschädigung der Opfer. Roma-Opfer des Holocaust erhalten seit Mitte der 80ger Jahre, Entschädigungszahlungen.9

Trotz dieser Bemühungen wird der Roma-Völkermord in der öffentlichen Diskussion selten erwähnt und nicht ausreichend untersucht. Forscher auf diesem Gebiet konzentrieren sich hauptsächlich auf die administrativen und organisatorischen Aspekte und heben die Rolle der lokalen Behörden bei der Kategorisierung und Deportation von Roma hervor und legen weniger Wert auf die Gedanken, die dieser europaweiten ethnischen Säuberungskampagne zugrunde lagen.

Romaphobie im heutigen Europa

Romaphobie ist in Europa nach wie vor weit verbreitet, wobei Roma massenhaft als Kriminelle stigmatisiert werden. In Frankreich beispielsweise beschloss die Regierung im Sommer 2010, Roma-Migranten, die die Staatsangehörigkeit anderer EU-Länder hatten, zu deportieren – manchmal unter Zwang. Diese Kampagne wurde von anti-RomaRhetorik begleitet, wobei die gesamte Roma-Gemeinschaft kriminellen Verhaltens beschuldigt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die bedauerliche Wortwahl, die von einigen Kandidaten bei den italienischen Wahlen 2008 verwendet wurde, was zu hässlichen Vorfällen von Gewalt gegen Roma und ihre Lager führte. Gleiches gilt für den Mord an sechs Roma, darunter ein 5-jähriges Kind, in Ungarn, der in einer von Hassrede angeheizten Atmosphäre stattfand.

Die Roma sind die Außenseiter geblieben, die Sündenböcke Europas, die in Krisenzeiten beschuldigt werden, wenn niemand bereit ist, die Verantwortung für die Situation zu übernehmen. Das jüngste Beispiel ist die Corona-Pandemie, in deren Verlauf Hassreden und Aufstachelung zum Hass gegen die Roma – und sogar Gewalttaten gegen sie – merklich zunahmen.

Der bisherige Einfluss öffentlicher politischer Konzepte für Roma in der europäischen Gesellschaft war begrenzt.

Die Geschichte der Roma im europäischen Raum ist eine Geschichte von Gewalt, Marginalisierung und Ausschluss. Sie wurden als minderwertig angesehen und ausgebeutet. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich eine ganze Reihe von Bildern, die kollektive Stereotype kristallisierten, ohne die Machtverhältnisse zu berücksichtigen, die zwischen Roma und Nicht-Roma entstanden.

Politikinitiativen und Machtverhältnisse

Um den Status der Roma zu verbessern und ihnen gleiche Rechte als europäische Bürger zu gewähren, wurden in den letzten 25 Jahren zahlreiche politische Initiativen ins Leben gerufen. Die vielversprechendsten Initiativen waren die nationalen Strategien für die Roma, die von den Regierungen der Beitrittskandidaten für die Europäische Union in Mittel- und Osteuropa entwickelt wurden, das Jahrzehnt der Roma-Inklusion 2005-2015, das von der Weltbank und dem Open Society Institute initiiert wurde, sowie der strategische Rahmen der EU für Roma in Bezug auf Gleichheit, Inklusion und Partizipation. Letzterer wurde am 7. Oktober 2020 konsolidiert und reformiert. Im Vergleich zum vorherigen Rahmen, der sich auf die sozioökonomische Integration der Roma konzentrierte, ohne ihre kulturelle Besonderheit zu berücksichtigen, wird damit ein komplexeren Ansatz für die Roma-Problematik auf europäischer Ebene geschaffen.

Entsprechend dieses neuen Rahmens sollten alle Roma die Möglichkeit haben, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und sich am politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu beteiligen. Dieser neue Ansatz legt einen stärkeren Fokus auf die Vielfalt unter den Roma, um sicherzustellen, dass nationale Strategien auf die spezifischen Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen, einschließlich Roma-Frauen, junger Menschen, Kinder, mobiler EU-Bürger, staatenloser Personen, LGBTQIA+-Menschen sowie älterer und behinderter Roma, eingehen. Der europäische Rahmen fördert einen intersektionalen Ansatz, der berücksichtigt, wie verschiedene Identitätsaspekte kombiniert werden können, um Diskriminierung zu bekämpfen. Er legt auch mehr Wert auf Maßnahmen, die einen politikbezogenen Ansatz zur Thematik der Roma-Inklusion bieten, neben spezifischen Maßnahmen, die darauf abzielen, effektiven gleichberechtigten Zugang zu Rechten und Dienstleistungen für die Roma zu fördern.

Der bisherige Einfluss öffentlicher politischer Konzepte für Roma in der europäischen Gesellschaft war begrenzt. Einer der Gründe dafür, merkt der Roma-Experte Iulius Rostașan, liegt darin, dass diese politischen Konzepte die entscheidende Bedeutung ethnischer Identität als wesentlichen Ursache für die soziale Ausgrenzung und Marginalisierung der Roma nicht ausreichend berücksichtigen. Um diese Diskrepanzen zu verringern und sicherzustellen, dass die öffentlichen politischen Konzepte bezüglich der Roma ihren Zweck erfüllen, müssen die historischen Machtverhältnisse zwischen Roma und Nicht-Roma sowie die Ausgrenzung der Roma berücksichtigt werden. Macht muss geteilt werden10, sodass sie allen gleichermaßen gehört – auch den Roma. Nur so werden sie ein echtes Zugehörigkeitsgefühl zu Europa empfinden – als europäische Bürger mit all den damit verbundenen Rechten, nicht nur als die ältesten „Migranten aus Europa”, die ewigen Fremden.


  1. Gheorghe Sarău (1997). Rromii, India și Limba Rromani, București: Editura Kriterion, p. 26. ↩︎
  2. Georg Simmel (1908). Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Leipzig: Duncker
    & Humblot, p. 1. ↩︎
  3. Aidan McGarry (2017). Romaphobia: The Last Acceptable Form of Racism. London: Zed Books. ↩︎
  4. Petre Petcuţ (2015). Rromii: Sclavie şi libertate: Construirea şi emanciparea unei noi categorii etnice şi sociale la nord de Dunăre. București: Centrul Naţional de Cultură a Romilor, p. 10. ↩︎
  5. Petre Petcuț (2022). “Regimul administrativ al nomazilor în România și în Franța. 1856-1938”, in Adrian-Nicolae Furtună (ed.). Culegere de Studii Rome. București: Editura Centrului de Cultură a Romilor, pp. 166-209. ↩︎
  6. Ibid, S.188. ↩︎
  7. Sławomir Kapralski, Maria Martyniak & Joanna Talewicz-Kwiatkowska (2011). Voices of Memory 7: Roma
    in Auschwitz.
    Auschwitz-Birkenau State Museum. ↩︎
  8. Ibid. ↩︎
  9. „Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma”. Zenralrat Deutscher Sinti und Roma. Abrufbar auf https://zentralrat.sintiundroma.de/zentralrat/geschichte-der-organisation/. ↩︎
  10. Iulius Rostaș (2020). O muncă de sisif. De ce eșuează politicile europene pentru romi. București: Editura Centrului Romilor, p.VI ↩︎