Bevor Europa sich ihm in seiner Weite und Zerbrechlichkeit offenbarte, erinnerte es den Dichter Nikola Madžirov an nichts anderes als die Süße von Schokolade aus einer Fabrik in Skopje.

Ich wurde in einem Land geboren, in dem Mitleid eine Art der Liebe ist – auf die Frage „Wie geht‘s?“ antwortet man mit „Gott bewahre uns vor Schlimmerem!“ Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die an einem Grenzübergang zwischen drei Staaten liegt und deren Flaggen vom Wind und dem ererbten Hass zerrissen werden. Die Stille der Angst war an den Grenzen am stärksten, wo zwischen verschiedenen staatlichen Radiosendern ein Luftkrieg geführt wurde, und der mit Rauschen gefüllte Raum zwischen zwei Radiosendern war mein Zuhause. Ich wollte nicht, dass mich jemand versteht und wünschte mir, die Sprachen nicht zu verstehen, wenn ich vor einem Grenzübergang oder vor der Stille am Grab von Joseph Brodsky stand, in der Nähe des Wassers und der vergehenden Zeit.

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Bei meiner ersten Reise nach Venedig verneigte ich mich vor der Vitalität des Wassers und seinem Erinnerungsvermögen, ich suchte Tizian in den Straßen und an den Wänden der Kirchen, obwohl sein Gemälde „Raub der Europa“ längst auf die andere Seite des Atlantiks umgezogen war. Bevor ich auf das mythologische europäische Narrativ stieß, das später geopolitisch wurde, war Europa für mich nichts anderes als der Name der einzigen Schokoladenfabrik in Skopje vor dem Zerfall Jugoslawiens. Etwas Süßes.

Später erzählte mir mein Großvater, der berühmteste Konditor und Kontrabassist der Stadt (es gab keine anderen), dass es in Europa auch Bitterschokolade gab – ein Widerspruch, der uns Kindern fremd war, die wir mit dem ideologischen Puritanismus des Staatssozialismus aufgewachsen waren, dass Suppe nur salzig, Käse nur weiß und der Dichter nur so glorreich wie das Land sein kann.

Seit fünfzehn Jahren lebe ich nun schon außerhalb des Kontexts eines festen Wohnsitzes und der geografischen Zugehörigkeit. Vor etwa zwanzig Jahren habe ich die Uniform angezogen, weil das Land es mir befahl. Ich war Soldat zwischen zwei Kriegen auf dem Balkan – das ist einfacher zu sagen, als dass ich Soldat in Friedenszeiten war. Zerbrechlichkeit ist heutzutage meine einzige Waffe.

Lange Zeit war das Wort ZERBRECHLICH/FRAGIL ein Aufkleber auf den Schachteln der von meinem Vater verkauften Fernsehgeräte oder Glasvitrinen, welche die Leute danach mit haufenweise Tellern und Gläsern füllten, die man nur bei Hochzeiten und Beerdigungen herausholt.

Bevor ich mir das Alphabet der Bedeutungen aneignete, war „FRAGILE“ ein Zeichen von Unberührbarkeit, ein Synonym für Gefahr und nicht für Zerbrechlichkeit. Europas Zerbrechlichkeit ist gefährlich, weil man sie nicht sehen kann – ein gesprungener Stein in einem Mosaik, das der Zeit und räuberischen Goldgräbern standhält. Ich liebe Europa wegen seiner imaginären und realen Weite, die es mir erlaubt, allein zu sein, wenn ich nicht in die enge geografische oder literarische Eindeutigkeit zurück möchte. Ich reise mit der Sprache an einen Ort, an dem ich mir wünsche, wir könnten mit einem Blick kommunizieren – mit einem Blick auf die Schönheit oder auf den Himmel als Tiefe oder Symbol, diesen Himmel, der der Kontrapunkt aller Aggressionen ist, wie Kurosawas Himmel in Rashomon. Europa besteht aus Sprachen; vielleicht ist es gerade deshalb zerbrechlich, organisch und unbezwingbar. Vielleicht klinge ich romantisch naiv, aber ich glaube, wir reisen, um Worte, Steine, Staub und Hoffnungen mitzunehmen.

Aber ich kehrte immer wieder nach Hause zurück, um meinen Sohn schneller wachsen zu sehen als meine Sehnsucht nach einem sicheren Zuhause, ich kehrte zurück zur Sprache meiner Kindheit, zu den Worten, die es mir ermöglichten, durch die Zwischenräume und die verschiedenen Stillen zu reisen – die beiden Dinge, die mich erschaffen, während ich schaffe. „Das Schweigen ist meine majestätischste, meine friedlichste, aber auch meine deutlichste Kriegserklärung oder Manifestation der Verachtung“, schrieb Derrida. In der Stille fühle ich mich sicher, trotz des lauten Lärms, den das Abstempeln der Pässe verursacht, ein zivilisatorisches Zeichen, das es heute ermöglicht, die nach den Kriegen gezogenen Grenzen zu überschreiten.