Society, Media and Culture

„Wir möchten mit unseren Leserinnen und Lesern zusammenarbeiten“

Der Journalismus steckt in einer tiefen Krise. Trotzdem gibt es in Europa alternative und linke Medien, die nicht von Oligarchen oder großen Unternehmen, sondern von ihren Leser/innen finanziert werden. Ein Austausch der Macher/innen von merce.hu (Ungarn), republik.ch (Schweiz), oko.press (Polen) und taz.de.

Green European Journal: In Ungarn tun sich heute viele der etablierten Medien finanziell schwer. Aber das Team von Merce.hu hat es geschafft, sich in der gegenwärtigen Medienwirtschaft erfolgreich zu behaupten. Nóra, erzählen Sie uns die Geschichte von Merce.hu.

Nóra Diószegi: Merce.hu ist ein links orientiertes ungarisches Nachrichtenportal, das von zehn Journalistinnen und Journalisten betrieben wird. Neben unserem Kernteam setzen wir auf eine große Community von mehr als 100 Mitgliedern, die regelmäßig neue Geschichten für uns liefern – viele davon sind Expert/innen auf ihrem Gebiet. Wir arbeiten mit NGOs, Mitgliedern der Zivilgesellschaft, Bewegungen, Aktivist/innen und Menschen zusammen, die daran interessiert sind, dieses Land zu verändern. Es ist uns zuerst mal eine Ehre, dass wir ihnen ein Forum bieten können. Und dann ermöglicht ihnen Merce.hu, ein größeres Publikum zu erreichen, als wenn sie sich auf ihre unmittelbaren Netzwerke verlassen würden.

Wir haben das Nachrichtenportal vor etwa einem Jahr gestartet. Davor haben wir rund sieben Jahre lang ein Blog betrieben und dort zwei Artikel pro Tag veröffentlicht. Wir haben auch sehr daran gearbeitet, eine starke Facebook-Präsenz aufzubauen, hier haben wir inzwischen mehr als 200.000 Follower.

Warum haben Sie sich entschieden, Ihr Blog in ein richtiges Nachrichtenmedium umzuwandeln?

Nóra Diószegi: Wir haben erkannt, dass nun der richtige Zeitpunkt ist, in Ungarn etwas radikal Neues anzufangen. Es ist heute ein Land, in dem die Regierung den Großteil der Medienlandschaft kontrolliert und den Rest der Medien unterdrückt. Unabhängige Stimmen, insbesondere diejenigen, die auf traditionelle Finanzierungsformen angewiesen sind, kämpfen ums Überleben. Wir sind die erste Medienplattform, die allein durch Beiträge ihrer Leserinnen und Leser unterstützt wird. Wir wollen keine Anzeigen, wir wollen keine reichen Unterstützer/innen. Wir möchten einfach nur mit unseren Leser/innen zusammenarbeiten. Und wir möchten dem ungarischen Publikum klar machen, dass freie und unabhängige Medien Unterstützung brauchen – sonst können sie nicht überleben. Wir haben zurzeit 500 kleine Kapitalgeber, und durch ihre Hilfe steht uns genug Geld zu Verfügung, um gute Arbeit leisten zu können. Darüber hinaus koordinieren wir uns mit „Political Critique”, einem internationalen Netzwerk politischer Aktivist/innen und Journalist/innen, und veröffentlichen auf ihrer Plattform Inhalte auf Englisch.

Die Schweiz ist die Heimat von Republik.ch. In Bezug auf unabhängige Medien bildet sie ein etwas anderes Umfeld als Ungarn. Christof, wie ist Ihr Projekt gestartet?

Christof Moser: Republik ist ein digitales Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Wir haben unsere Crowdfunding-Kampagne nach zweieinhalbjähriger Vorbereitungszeit im April 2017 gestartet und sind im folgenden Januar an den Start gegangen. Unser ursprünglicher Plan sah vor, eine Basis von 3000 Unterstützerinnen und Unterstützern aufzubauen, aber am Ende der Kampagne hatten wir das Vielfache davon: 13.700. Diese Kampagne brachte uns über drei Millionen Euro ein.

Es hat wahrscheinlich geholfen, dass wir einige Investor/innen im Hintergrund hatten. So konnten wir gleich zu Beginn der Crowdfunding Kampagne ankündigen, dass Investor/innen zusätzliche 1,5 oder 2 Millionen Euro beisteuern, wenn wir genügend Abonnent/innen finden. Dies war eine sehr gute Motivation für unsere zukünftigen Leserinnen und Leser, denn es signalisierte, dass mit jedem Schweizer Franken oder jedem Euro, den sie uns geben, eine zusätzliche Unterstützung kommen würde. Diese erste Kampagne hat uns ausreichend Kapital zur Verfügung gestellt, um unsere Arbeit bis zum Sommer 2019 zu finanzieren. Momentan arbeiten wir daran, die Abonnements zu bestätigen, und versuchen, die Menschen, die uns unterstützt haben davon zu überzeugen, bei uns zu bleiben.

Was sind die Lehren aus der Kampagne?

Christof Moser: Bei der Crowdfunding-Kampagne hatten wir hilfreiche Umstände. Während viele andere Online-Start-ups ihre erste Kampagne auf einer Crowdfunding-Plattform von Drittanbietern starten, haben wir das auf unserer eigenen Webseite getan. So müssen Unterstützer/innen ihre Daten nicht erneut eingeben, wenn sie ihre Abonnements verlängern. Auf diese Weise werden wir wahrscheinlich viel mehr von unseren ursprünglichen Unterstützer/innen behalten. Wir hatten auch Glück mit dem Timing. Weil die Menschen immer mehr von der Bedrohung durch populitsitsche PolitikerInnen wie Donald Trump, Marine Le Pen und Viktor Orbán hören, wird es einfacher, sie zu überzeugen, zu einer freien und unabhängigen Presse beizutragen.

Der Hype bedeutete natürlich auch, dass wir Unterstützung von einigen Leuten erhielten, denen die Idee gefiel, die aber gar nicht vorhatten uns zu lesen. Einige Leute dachten auch, wir würden eine normale Tageszeitung sein, und waren enttäuscht, dass wir eher als Magazin mit längeren Beiträgen arbeiten statt kurze Artikel zur Tagespolitik anzubieten. Deshalb zielen wir darauf ab, 66 Prozent unserer anfänglichen Unterstützer/innen zu behalten.

Aber insgesamt haben wir wirklich gute Erfahrungen gemacht. 85 Prozent unserer Leserinnen und Leser besuchen die Seite mindestens einmal pro Woche, und 40 Prozent kommen jeden Tag. Dies ist eine beeindruckende Zahl, wenn man bedenkt, dass wir ein Medium sind, das nur ein bis drei Artikel pro Tag veröffentlicht. Und wir haben ständigen Kontakt mit unseren Leser/innen, die uns mitteilen, was sie an uns mögen, was ihnen nicht so sehr gefällt und worüber sie gerne noch lesen würden. Wir betreiben keine Datenanalyse, weil die jüngere Generation bewusst sehr vorsichtig ist hinsichtlich Informationen, die über sie im Netz zur Verfügung stehen, und sie mögen es nicht, wenn jemand damit Geld zu verdienen versucht. Wir bevorzugen es, im Dialog zu sein, und das funktioniert gut.

In Polen agiert Oko.press – ähnlich wie Merce – im Kontext einer „illiberalen Demokratie”, in der die Regierung der freien Presse gegenüber eher feindlich gesinnt ist. Agata, was bieten Sie Ihren Lesenden an?

Agata Szczęśniak: OKO.press ist ein gemeinnütziges, investigatives Journalismus- und Fakt-Checking-Projekt, das 2016 zum Schutz der Meinungsfreiheit und der Verfügbarkeit von Informationen in Polen ins Leben gerufen wurde. Wir werden zu 80 Prozent von unseren Leserinnen und Lesern finanziert. Das bedeutet, dass wir monatlich 35.000 Euro von den Menschen erhalten, die unsere Inhalte tatsächlich lesen. Von diesem Geld beschäftigen wir 15 Journalist/innen und arbeiten mit einer Reihe von Freelancern.

Zu Beginn hatten wir Hilfe von zwei großen Zeitungen: Polityka und Gazeta Wyborcza, die zusammen Geld gesammelt hatten, damit wir unser Projekt starten konnten. Dieser Betrag reichte aus, um die Webseite zu gestalten, aber wir wussten von Anfang an, dass wir ein funktionierendes Geschäftsmodell finden müssen, um in der Zukunft erfolgreich arbeiten zu können. Im Moment funktioniert es, zum Teil, weil unsere LeserInnen wissen, dass sie aufgrund der aktuellen politischen Lage einen finanziellen Beitrag zur unabhängigen Presse leisten müssen. Ich muss jedoch hinzufügen, dass es nicht nur um die Mission geht, sondern auch um den Inhalt. OKO.press würde nicht funktionieren, wenn wir unseren Lesenden keinen Qualitätsjournalismus bieten würden. Wir werden zum Beispiel als das Nachrichtenmagazin angesehen, das die Protestbewegung in Polen am aktivsten verfolgt.

Können Sie uns mehr über Ihre Spendenaktionen erzählen?

Agata Szczęśniak: Letztes Jahr haben wir eine Fundraising-Expertin engagiert, die vorher für Amnesty International gearbeitet hat. Sie gestaltet unsere Fundraising-Strategie. Und außerdem sind wir Journalist/innen auch selber an der Mittelbeschaffung beteiligt. In den traditionellen Journalismusmodellen gibt es eine Mauer, eine mythische Barriere, zwischen der Nachrichten- und der Finanzabteilung eines Medienunternehmens, und JournalistInnen müssen sich nur einmal im Monat Gedanken über Finanzen machen: an dem Tag, an dem sie ihre Gehälter erhalten. In unserem Fall ist es anders.

Unsere Journalist/innen wissen, woher das Geld kommt und arbeiten auch aktiv daran, ihr Gehalt zu verdienen. In diesem Jahr hatten wir zum Beispiel eine Kampagne, die wir „Ein Tag ohne Auge” nannten (Oko bedeutet Auge). Diese Kampagne bestand darin, dass wir für einen Tag keine neuen Artikel auf unserer Webseite veröffentlicht haben. Stattdessen standen die Journalist/innen in Echtzeit mit den Leserinnen und Lesern im Dialog. Es war ein großer Erfolg: In nur einem Tag haben wir so viel Spenden gesammelt wie normalerweise in einem Monat. Und nach diesem Tag hat sich die Anzahl unserer Unterstützer/innen verdoppelt.

Die deutsche Tageszeitung „taz“ hat eine viel längere Geschichte als die bisher vorgestellten Medien. Und sie wird immer noch in Papierform veröffentlicht. Stefan, gibt es dennoch Ähnlichkeiten zwischen der taz und den drei Start-ups?

Stefan Reinecke: Unsere Ursprünge gehen auf den sogenannten Deutschen Herbst 1977 zurück, als der deutsche Staat aufgrund der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer eine Nachrichtensperre verhängt hatte. Wir waren ein Projekt der radikalen Linken, und die Art und Weise, wie unsere Zeitung lanciert wurde, war sehr nahe an Crowdfunding, obwohl dieses Wort damals noch gar nicht existierte. Wir wollten 10.000 Abonnements für eine Zeitung verkaufen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte. Sobald wir 7.000 hatten, sagten wir „Lass uns einfach damit anfangen.”

Unsere Geschichte war voller Höhen und Tiefen. Nach dem Fall der Berliner Mauer, der in der Nachbarschaft unseres Büros stattfand, gab es 1989 einen kurzen Höhepunkt. Damals haben wir es geschafft, für kurze Zeit 100.000 Exemplare der sogenannten “Ost-taz” zu verkaufen. Aber 1992 waren wir dann fast bankrott und mussten ernsthaft nachdenken, wie wir unsere finanzielle Stabilität zurückgewinnen könnten. Die Journalist/innen meinten, die beste Lösung wäre, Investoren von außen hereinzubringen. Aber glücklicherweise hatten die übrigen Mitarbeitenden unseres Verlags eine bessere Idee: eine Genossenschaft zu gründen. Heute hat diese Genossenschaft 18.000 Mitglieder, die uns unterstützen. Das spielt für unsere finanzielle Nachhaltigkeit eine sehr wichtige Rolle.

Es gibt eine Geldquelle, die keiner von Ihnen erwähnt hat: Warum nutzen Sie keine Paywall für die online-Ausgabe, um die notwendigen Einnahmen zu erzielen?

Stefan Reinecke: Weil wir nicht glauben, dass es funktionieren würde. Es ist natürlich ein Problem, dass wir jetzt Zeitungen am Kiosk verkaufen, die einen Großteil Artikel enthalten, die auch kostenlos im Internet verfügbar sind. Das setzt unserem Finanzierungsmodell ernsthafte Grenzen. Aber wir betreiben eine permanente Kampagne um Spenden, mit der wir im letzten Jahr eine Million Euro gesammelt haben. Wir sind die einzige deutsche Zeitung, die erfolgreich Spenden sammeln kann.

Wir wissen natürlich, dass es Herausforderungen für die Zukunft gibt: Zwei Drittel unseres Einkommens stammen immer noch aus den Verkäufen der gedruckten Zeitung, während die Leserschaft im Printbereich ständig abnimmt. Hier ist also Digitalisierung ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir müssen neue Wege finden, um unsere digitalen Produkte vermarkten zu können.

Nóra Diószegi: In unserem Fall ist die Antwort einfach. In Ungarn leben vier Millionen Menschen in extremer Armut, und wir glauben, dass sie auch die Möglichkeit haben sollten, auf unsere Artikel zugreifen zu können. Andernfalls können wir kein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, wie das System geändert werden kann. Dies ist auch der Grund, warum wir im nächsten März eine monatliche Druckversion von Mérce starten möchten, um dadurch noch mehr von diesen Leuten zu erreichen.

Agata Szczęśniak: Wir glauben auch, dass unsere Arbeit so wichtig ist, dass sie sich nicht nur auf diejenigen beschränken kann, die es sich leisten können, unsere Artikel zu kaufen. Wir legen den Grundstein für die Demokratie in Polen, und eine Paywall würde einerseits nicht viel Geld einbringen, und andererseits würde sie unsere Leserschaft stark einschränken.

Christof Moser: Ich habe nichts gegen Paywalls: Journalismus kostet halt Geld. Wir haben berechnet, wie viel wir von unseren Leser/innen benötigen, um zuverlässig Artikel zu produzieren: Es sind rund 200 Euro pro Jahr. Wir haben aber eine Komponente in unserem Modell, die es jedem ermöglicht, genau so viel zu bezahlen, wie er oder sie kann. Wenn sie sich nur 5 Euro leisten können, können sie 5 Euro zahlen. Unsere Abonnent/innen können auch großzügig sein: Sie können die Artikel an andere weiterschicken und sie auf Facebook oder Twitter teilen, wo sie frei zugänglich sind. Dies ist ein Modell, das wir bei De Correspondent gesehen haben, und in unserem Fall funktioniert es ziemlich gut.

Was würden Sie davon halten, wenn der Staat oder private Spender/innen als Unterstützer der freien Presse auftreten würden?

Christof Moser: In der Schweiz gibt es einige reiche Leute, die Geld für philanthropische Zwecke vergeben – das ist definitiv ein Standortvorteil. Man kann Stiftungen für alle Arten von kulturellen Themen finden, aber aus irgendeinem Grund steht der Journalismus noch nicht im Mittelpunkt der Philanthropie. Es ist schade, denn es wäre wirklich hilfreich, wenn wir eine solche Unterstützung für die zukünftige Finanzierung finden könnten.

Agata Szczęśniak: Bei OKO.Press arbeiten wir gerne mit privaten Unterstützer/innen, aber vor allem setzen wir auf Beiträge der Leserinnen und Leser. Denn allen muss klar sein, dass Qualitätsjournalismus ohne deren Beiträge nicht funktionieren kann. Eine Art staatliche Finanzierung könnte theoretisch auch dazu beitragen, die öffentliche Sphäre frei und zugänglich zu halten. In einem Staat wie dem polnischen mit seinen derzeitigen autoritären Tendenzen ist diese Form der Finanzierung jedoch nicht möglich. Stattdessen könnte man dafür argumentieren, dass eine Art von europäischer Finanzierung wichtig wäre, zumal wir zusehends von einem europäischen öffentlichen Raum umgeben sind, in der wir alle ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt sind.

Nóra Diószegi: Wir haben eine bewusste Entscheidung getroffen, als wir Merce.hu lancierten: Wir akzeptieren keine Unterstützung von politischen Parteien oder Oligarchen. In Ungarn geht die staatliche Unterstützung heute mit der Forderung einher, Propaganda für die Regierung zu machen. Es liegt auf der Hand, dass wir nicht bereit sind, diese Art von Geldern zu akzeptieren. Aber selbst, wenn der Staat nicht diese autoritären Tendenzen hätte, würden wir uns nicht auf diese Finanzierungsform verlassen wollen, wie sie das Risiko der Abhängigkeit erhöhen würde.

Gleiches gilt auch für Zuschüsse. Sie sind stets gebunden an Bedingungen, die wir erfüllen müssten, wenn wir uns für eine Förderung bewerben würden. Und wir wollen unsere Inhalte nicht an die Anforderungen möglicher Spender/innen anpassen. Ganz zu schweigen davon, dass uns die Bewerbung viel Zeit und Energie kosten würde, die wir lieber in unsere Inhalte investieren. Wir halten daher an der Unterstützung unserer Leserinnen und Leser fest – und die Erfahrung des letzten Jahres zeigt, dass sich das lohnt.

Stefan Reinecke: Der deutsche Staat finanziert keine Zeitungen, und ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, diese Praxis zu ändern – außer in Form irgendwelcher Steuererleichterungen. Wir haben staatliche Unterstützung für den Bau unseres neuen Bürogebäudes erhalten, und als Unternehmen in Deutschland erhalten wir auch staatliche Unterstützung bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Es wäre aber wirklich schwierig, für eine demokratische Öffentlichkeit zu arbeiten, wenn wir auf direkte staatliche Subventionen angewiesen wären, um unsere Nachrichten schreiben zu können. Ich denke, das würde Abhängigkeiten schaffen, und ich möchte wirklich keine Situation in Deutschland erleben, in der ein Minister eine Chefredakteurin anruft und damit droht, die Finanzierung der Zeitung zu kürzen, wenn das mit der Kritik so weitergeht.

Verfügen Sie über genügend Ressourcen, um eigene investigative Recherchen zu führen?

Agata Szczęśniak: Wir haben ein Rechercheteam von drei Personen, die von einem sehr erfahrenen Journalisten geleitet wird. Sie haben unter anderem einige Geschichten über Pädophilie in der katholischen Kirche geschrieben, die in der polnischen Öffentlichkeit große Wellen geschlagen haben. Diese Texte sind natürlich sehr kostspielig, und sie sind nicht einmal die, die uns die meisten Leser/innen bringen – daher kann ich mir in Polen kein Medium vorstellen, welches sich ausschließlich auf Investigativgeschichten konzentriert. Aber in einem Mix klappt das ganz gut.

Christof Moser: Wir haben viele solche Geschichten gemacht, und wir planen derzeit eine große Investigativ-Story, die das Ergebnis einer langen und umfangreichen Recherche ist – drei JournalistInnen haben zwei Monate daran gearbeitet. Wir hatten auch Glück, denn gleich nach unserem Start haben wir eine Geschichte über ein Kartell in der Bauindustrie veröffentlicht, die dann von einer Reihe von Zeitungen übernommen wurde und es sogar in die Abendnachrichten schaffte. Das half uns, zusätzliche Leute zu erreichen. Aber selbst bei solchen Themen ist es wichtig, interessante Geschichten zu erzählen, denn die Leser/innen werden nicht gern mit trockenen Fakten konfrontiert.

Nóra Diószegi: Merce schreibt zu fünf Hauptthemen: Bildung, Gesundheitswesen, Arbeitnehmer/innenrechte, Frauenrechte und soziale Fragen. Jeden Tag veröffentlichen wir neben unseren Kurzgeschichten zwei bis drei längere Artikel (Interviews, Berichte, Analysen und Meinungsbeiträge). Wir haben allerdings immer noch Probleme, wenn es darum geht, an entlegendere Orte zu reisen, um Berichte über die Probleme der Leute vor Ort zu schreiben. Wir hoffen, dies in Zukunft verbessern zu können.

Wir haben jedoch keine investigativen Geschichten, und sie würden auch nicht wirklich in unser Profil passen. Merce versucht, die Geschichten der Leute zu erzählen, die von gesellschaftlichen Problemen und Ungleichheiten betroffen sind – und Lösungen zu finden. Wir sind auch nicht in der Lage, Monate lang nach irgendwelchen Dokumenten zu suchen, während es Tag für Tag wichtige Themen gibt, über die berichtet werden muss. Zum Glück gibt es im Land einige sehr gute Recherchemedien, die diese Art von Arbeit erledigen können, während wir uns auf unsere eigenen Aufgaben konzentrieren.

Was bedroht den unabhängigen Journalismus in Ihren Ländern am stärksten? Kommen die Gefahren aus der Politik oder aus der Wirtschaft?

Agata Szczęśniak: Aus beiden Bereichen, und es gibt daneben noch viele andere Probleme. Die Situation der Journalist/innen in Polen ist bei Weitem nicht so schlecht wie in der Türkei. In Polen fallen Journalist/innen nicht körperlicher Gewalt zum Opfer. Aber die Politik kann unsere Arbeit dennoch erheblich behindern. Es gibt auch ernste wirtschaftliche Probleme, vor allem für freiberufliche Journalist/innen, die pro Artikel bezahlt werden. Sie haben nicht die Zeit, drei oder vier Tage an einer Story zu arbeiten, wenn sie ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Deshalb brauchen wir neue Wege zur Finanzierung des Journalismus.

Glücklicherweise ist es OKO.press gelungen, auch in dieser Situation zu wachsen. Jetzt veröffentlichen wir 8 bis 10 Artikel pro Tag, vor ein paar Monaten waren es nur sechs. Und die Leute fragen uns immer noch nach mehr.

Stefan Reinecke: Für uns ist das größte Problem die digitale Transformation. Wenn wir diesen radikalen Wandel in der Medienlandschaft nicht bewältigen können, wird das zum Ende dieser Zeitung führen. Aus diesem Grund arbeiten wir hart daran, Modelle zu finden, die uns ermöglichen, unsere Organisation und den Geist unserer Zeitung auch im Internet am Leben zu halten.

Nóra Diószegi: Heutzutage besteht für jedes regierungskritische Medium das Risiko, von der Regierung geschlossen zu werden oder dazu gezwungen zu werden, die kritische Berichterstattung aufzugeben. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Probleme, mit denen wir täglich konfrontiert werden, wie etwa die sich ändernden Lesegewohnheiten der Leute, das ständige Wettrennen mit Fake News und Falschmeldungen, oder die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Da die meisten unserer Leser/innen unsere Artikel auf Facebook finden, wirkt sich jede kleinste Änderung der Algorithmen an unserer Leserzahl zu spüren. Daher ist unsere größte Herausforderung, eine Basis an Leser/innen aufzubauen, die unsere Publikation zuverlässig und nachhaltig unterstützen kann.

Christof Moser: In der Schweiz gibt es keinen politischen Druck auf die Medien – zumindest nicht in einer organisierten Form. Natürlich hat die Regierung eigene Pressesprecher, die versuchen, uns daran zu hindern, „freche” Fragen zu stellen, aber das ist alles. Bei uns ist der Markt die größte Bedrohung für die Medienfreiheit. In einem von Anzeigen abhängigen Markt, in dem Unternehmen immer weniger Interesse haben, traditionelle Werbung zu machen, kann ich mir vorstellen, dass finanzielle Interessen ihren Einfluss auf die Produktion des journalistischen Inhaltes zu erhöhen versuchen.

Wir können auch bereits in mehreren Medien gesponserte Inhalte sehen. Das ist natürlich gut für uns, denn viele Leser/innen, die sonst die alten Medien lesen würden, werden sich an uns wenden, um verlässliche Informationen zu erhalten. Insgesamt ist dies jedoch eine sehr schlechte Entwicklung für die Medienlandschaft.

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