Politics

“Mariahilferstraßen-Chaos: Bereits 200 Tote befürchtet”

Für die grüne Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou schien die Sache perfekt: Nach eine Welle der Sympathie für die Grünen durch ihre zentrale Rolle beim Aufdecken der verschiedensten Korruptions- und Bankskandale in der Republik und Wahlergebnissen bis zu 20% in regionalen Wahlen sollte mit einer populären Aktion ein grüner Feelgood-Wahlkampfauftakt für die Nationalratswahlen im Herbst 2013 gestartet werden.

Die schon lange diskutierte Umwandlung der wichtigsten Einkaufsstraße der Stadt in eine Fußgängerzone schien dafür ideal.

In der partizipativ und inklusiv angelegten Planungsphase wurde eine Mischform zwischen Fußgängerzone und Shared Space als Modell mit der höchsten Akzeptanz ausgewählt. In einer mehrmonatigen Probephase sollten Schwächen identifiziert und vor dem tatsächlichen Umbau nach einer Befragung der Bevölkerung behoben werden.

„Mariahilfer Straßen-Chaos: Bereits 200 Tote befürchtet“ titelte die Satirezeitung dietagespresse.at wenige Tage nach Beginn der Probephase und drückte damit  perfekt die Stimmung in der Republik aus: Nur ein Beispiel für die kollektive Hysterie war die Weigerung der BusfahrerInnen, auf dem eigens und auf eigenen Wunsch angebrachten roten Busstreifen zu fahren. Erst nach dem Einsatz einer zweiten FahrerIn– als potentiellen Zeugen bei einem Unfall – wurde der Verkehr wieder aufgenommen. Dass in ganz Österreich problemlos Straßenbahnen, Busse und RadfahrerInnen durch Fußgängerzonen fahren und es auch seit August 2013 in der Mariahilferstraße keinen einzigen Unfall gab, war bis zur angesetzten Befragung über Beibehaltung oder Rückbau der Fußgängerzone nebensächlich.

Diejenigen, die beruhigen wollten, sagten: „Es ist nur eine Straße.“ Doch sie hatten die Tragweite nicht verstanden.

Es geht nicht nur um eine Straße, sondern es geht um unser aller Leben.

Für die BefürworterInnen handelt es sich bei der Fußgängerzone um eine weitere wichtige Etappe auf dem Weg zu einer lebenswerteren Stadt, zu einem konsequenten und radikalen Zurückdrängen der Autos und einer Wiedereroberung der Straßen durch FußgängerInnen, RadfahrerInnen und nicht zuletzt durch Kinder.

Die urbane Transformation liefert uns dazu inspirierende Bilder vom New Yorker Broadway, vom neuen Pariser Seineufer, von der rückgebauten Stadtautobahn in Seoul.

Aber auch die GegnerInnen wissen, worum es wirklich geht: Dass man ihnen ihre Stadt wegnehmen möchte. Es ist die Stadt, mit der sie sich arrangiert haben, ein notwendiges Übel auf dem Weg zum Traum vom Haus im Grünen, ein Ort der Arbeit. Freizeit, Erholung, Freude und Sehnsüchte sind anderswo, immer nur eine Autofahrt entfernt.

Für uns Grüne klingt alles so banal: Natürlich wollen wir eine Fußgängerzone, mehr Bäume, öffentlichen Raum, Spielplätze und viel, viel weniger Autos in der Stadt.

Dabei vergessen wir, dass wir auf dem Weg von der Avantgarde in die Mitte der Gesellschaft erst die halbe Strecke gegangen sind.

In dem Moment, wo wir in Regierungsverantwortung sind, werden wir mit anderen Menschen konfrontiert, auf die wir in unserem grünen Mikrokosmos nie stoßen: Jene, die sich keine Gedanken über Ressourcenknappheit, Klimaerwärmung oder eine lebenswerte Stadt gemacht haben oder einfach ihre Prioritäten anders setzen. Jene, die Angst vor Fußgängerzonen und Bänken im öffentlichen Raum haben, weil sie in den Leuten, die sich dort aufhalten, eine asoziale Bedrohung sehen.

Die gute Nachricht für uns Grüne: Es handelt sich um einen Generationenkonflikt. Unter Vierzigjährige AutobesitzerInnen waren mehrheitlich ebenso klar für die Fußgängerzone, wie Ältere, selbst wenn sie kein Auto besitzen, dagegen waren.[1]

Doch auch wenn es Hoffnung gibt, dass die Jungen sich ihre Grüne Stadt schaffen werden, ist der Weg dahin ein steiniger: Das grüne Selbstverständnis als basisdemokratische Bewegung gerät in einen unlösbaren Widerspruch mit dem Anspruch, Motor der Transformation zu sein.

Bei den Wiener Grünen hat dieser Widerspruch Verwirrung und Zweifel hervorgerufen, die letztlich durch Aktivismus überwunden wurden: Über Wochen wurde praktisch jeder/m BewohnerIn der beiden betroffenen Bezirke ein Hausbesuch abgestattet, jede Menge Geld wurde investiert, und… es hat sich ausgezahlt. 53,2% stimmten letztlich für die Fußgängerzone. Das knappe Ergebnis und die Kraft des Widerstands müssen aber ein Weckruf sein: 12,42% Zustimmung wie bei der letzten Nationalratswahl sind für eine Oppositionspartei ein respektables Ergebnis. Als gestaltende Kraft wären sie ein Fiasko. Die Grüne Transformation benötigt mehrheitsfähige Erzählungen und die können sich nicht mit Verzicht auf Spaß, Auto und Genuss beschäftigen, sondern müssen von Gewinn und einem Mehr handeln. Von einem Mehr an Lebensqualität. Von einem Guten Leben für alle.

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