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Politics

Schöne neue Arbeitswelt? Wie wir die Arbeitswelt von Morgen gestalten müssen.

By Reiner Hoffmann , Roderick Kefferpütz

Die Arbeit befindet sich im Umbruch. Globalisierung, neue Technologien, demographische Entwicklungen und ein kultureller Wandel prägen die Zukunft der Arbeit. Sie bringen neue Herausforderungen und Chancen. Damit kommen auch neue Anforderungen auf die Gewerkschaften zu. Wie verändern sich Arbeitsmarkt, Arbeitsverständnis und Arbeitnehmerinteressen? Was ist Gewerkschaftspolitik im 21. Jahrhundert? Welche Unterstützung brauchen Beschäftigte für den Arbeitsmarkt der Zukunft? Und welche Rolle spielt dabei Europa? Darüber sprachen wir mit Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Roderick Kefferpütz: Wir befinden uns inmitten eines rasanten, technologischen Wandels. Die Digitalisierung krempelt die ganze Arbeitswelt um. Wie muss man diese Transformation angehen?

Reiner Hoffmann: Dieser Strukturwandel geht mit großen Veränderungen einher und kann einen erheblichen Rückgang von Arbeitsplätzen bringen. Gleichzeitig wissen wir nicht, in welchen Bereichen und in welchem Umfang neue Arbeit entstehen wird. Das wird ein Erfahrungsprozess sein, wie wir ihn auch schon in der ersten, zweiten und dritten industriellen Revolution hatten.

Die Frage ist deswegen, ob es uns gelingt, den Menschen in den  Mittelpunkt dieser Transformation zu stellen, statt nur darauf zu schauen, was technisch und technologisch machbar ist. Mit Letzterem hätten wir verloren. Wenn wir die Digitalisierung vom Menschen her gestalten wollen, sind Bildung und Qualifizierung die zentralen Schlüssel.

Bildung und Qualifizierung, um fit zu bleiben im wandelnden Arbeitsmarkt?

Dass der eine Job, für den man einmal ausgebildet wurde, bis zur Rente reicht, diese Perspektive stimmt schon lange nicht mehr. Wir haben bereits seit den 70er Jahren, unter dem Dach der ILO, eine Diskussion über lebensbegleitendes Lernen. Davon ist viel zu wenig umgesetzt worden.

Was wir jetzt erleben ist eine irre Beschleunigung. Schauen wir uns doch nur den Halbzeitwert von technologischen Innovationen an. Innovationszyklen, die früher 15-20 Jahre dauerten,  geschehen heute in sechs, neun Monate. Damit ist auch der Halbzeitwert einer Grundqualifikation heute deutlich geringer.

Aufgrund dieser rasanten Veränderungen sind Arbeitnehmer gefordert, ihre Qualifikationen ständig zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen, also immer wieder dazu zu lernen. Das bedeutet ganz andere Formen des lebenbegleitenden Lernens, als wir es bisher gewohnt waren. Bildung ist ein Grundrecht und endet nicht mit dem ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Angesichts der verkürzten Innovationszyklen gehört Weiterbildung dazu. Deswegen kämpfen wir für ein Grundrecht auf Weiterbildung und dessen Finanzierung.

Wer soll das zahlen?

Das ist ein neuer Verteilungskonflikt. Wir haben bei der Bildung einen massiven Investitionsbedarf. Das ist eine Aufgabe der Gesellschaft und der Unternehmen. Deutschland ist reich genug, um in Bildung zu investieren, wenn die Richtigen zur Kasse gebeten werden, zum Beispiel mit einem gerechteren Steuersystem. Hinzu kommen tarifvertragliche Regelungen, wie sie bereits die IG Metall mit den Arbeitgebern getroffen hat, mit denen Beschäftigte Rechte und Freiräume für Weiterbildung erhalten, wie eine größere Zeitsouveränität für die Beschäftigten.

Aber nicht jeder will lebenslang lernen. Es gibt Leute, die nach 20-30 Jahren in der Arbeitswelt keine Lust mehr haben, sich neu zu erfinden.

Bildung sollte Spaß machen, man kann Menschen schlecht zwingen. Aber unsere Bildungssysteme sind leider  nicht so aufgestellt, sie erwecken weder Neugierde noch Freude. Viele empfinden Bildung nicht als Angebot, sondern als Druck. Sie fürchten, nicht mithalten zu können und den Anschluss zu verlieren. Das ist aber keine nachhaltige Motivation. Unser Bildungssystem muss sich deswegen dringend ändern, und Menschen motivieren, immer wieder einzusteigen und zu lernen. Und zwar ohne dass man sie zwingen muss – denn wer lernen muss, aber nicht will, lernt nicht.

Welche Herausforderungen und Chancen bringt der technologische Wandel den Beschäftigten am Arbeitsplatz?

Wir müssen diese Transformation offensiv gestalten, um die Chancen zu nutzen und die Risiken zu minimieren.

Die Digitalisierung bietet durchaus zahlreiche Vorteile.  Die neuen Technologien können   klassische Belastungen – Staub, Lärm, Last – reduzieren helfen. Gleichzeitig entstehen aber neue Belastungen, wie die ständige Erreichbarkeit, also zeitliche und räumliche Entgrenzung. Homeoffice kann eine Entlastung sein, aber Emails mitten in der Nacht eben auch belastend. Der DGB Index Gute Arbeit hat bei Befragungen festgestellt, dass viele unter dieser Entgrenzung sowie unter Arbeitsverdichtung und Kontrollen leiden. Das sind ganz neue Herausforderungen für die Arbeitnehmer und auch für den Arbeitsschutz.

Die Anforderungen im Arbeitsschutz müssen deshalb zeitgemäß aktualisiert werden. Wir fordern seit langem eine  Antistress-Verordnung, die die heutigen  Stressfaktoren einordnet. Wir brauchen  klare Regelungen für das Arbeiten in der digitalen Arbeitswelt, angefangen vom Recht auf Abschalten bis zur Erfassung von Arbeitszeit. Beschäftigte müssen mit entscheiden dürfen, wann sie Handy und Rechner abschalten, und sie gehören bezahlt, wenn sie abends noch Mails checken.

Neben den digitalen Wandel, sehen wir auch kulturelle Veränderungen. Das ganze Verständnis von Arbeit ist im Fluss. Für manche ist Arbeit Broterwerb, für andere sinnstiftende Identität. Gibt es eine neue Kluft innerhalb der Arbeitswelt, zwischen denen, die arbeiten um zu leben und denen, die leben um zu arbeiten?

Diese veränderten Werteeinstellungen zur Arbeit erleben wir gerade bei jungen Leuten. Sie haben völlig andere Erwartungen. Das hat auch mit Wohlstand zu tun. Menschen können Zeitsouveränität in Anspruch nehmen, wenn ihre materiellen Voraussetzungen halbwegs befriedigt sind. Das ist die eine Orientierung. Die andere ist, dass Menschen häufiger sagen, dass sie sich auch um die Familie kümmern  mehr reisen oder sich bilden wollen – und zwar nicht erst im Rentenalter.

Aber bei all diesen Veränderungen bleibt eins zentral: Arbeit ist das Fundament für Reproduktion, Einkommenserzielung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Arbeit ist mehr als Broterwerb. Der muss gesichert werden, aber Arbeit hat auch eine Integrationsfunktion, weil sie Teilhabe an der Gesellschaft schafft. Aus diesem Grund lehne ich auch das bedingungslose Grundeinkommen ab. Denn damit stellt man Menschen aufs Abstellgleis, stigmatisiert sie und grenzt sie aus.

Aber die Arbeitswelt fragmentiert. Es gibt unterschiedliche Werteeinstellungen, es entstehen neue Beschäftigungsformen und es gibt immer unterschiedlichere Interessen. Ist die Arbeit weiterhin eine politische Mobilisierungsplattform? Kann eine Gewerkschaft diese Unterschiede zusammenführen?

Das müssen wir als kollektive Organisation. Gewerkschaften sind Mitgliederorganisationen und als Mitgliederorganisation sind wir nur handlungsfähig, wenn die Mitglieder gemeinsam und solidarisch auftreten. Wir stehen jetzt vor zwei Anforderungen.

Zum einen die hohe Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen. Es gibt nicht mehr das eine Arbeitnehmerinteresse wie früher. Früher hatten höhere Löhne für alle Priorität, man wollte weder verhungern, noch sich zu Tode schuften. Es gab ein kollektives Interesse, das ebenso kollektiv vertreten werden konnte.

Heute gibt es wesentlich ausdifferenziertere Interessen. Mit dieser Vielfalt müssen wir konstruktiv und produktiv umgehen. Die Menschen erwarten individuelle Möglichkeiten,  nicht standardisierte Lösungen, sondern vielfältige Lösungen für unterschiedliche Lebenslagen. Tarifpolitisch haben wir solche Lösungen bereits angeboten.

Gibt es da ein Beispiel?

Mit  dem Ergebnis  der letzten Tarifrunde der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) haben die Arbeitnehmer die Möglichkeit bekommen, zu wählen: Sie konnten für die zweite Stufe der Lohnerhöhung zwischen 2,6 Prozent mehr Geld,  sechs Tagen mehr Urlaub im Jahr, oder eine Arbeitszeitverkürzung bei der wöchentlichen Arbeitszeit entscheiden. 56 Prozent der Menschen haben sich für mehr Urlaub entschieden und 42 Prozent für die Lohnerhöhung.

Solche Lösungen reichen aber nicht aus.  Wir brauchen auch eine neue Definition des Arbeitnehmer-  und Arbeitgeberbegriffs. In der Plattformökonomie, bei Plattformen wie  Helpling, Uber oder Lieferando, verstehen sich die Betreiber nicht als Arbeitgeber, sondern nur als Vermittler von Dienstleistungen zwischen Selbständigen und Kunden. Sie wollen keine Verantwortung als Arbeitgeber übernehmen.

Dabei  ist aber  deutlich, dass ein Fahrer bei Uber kein Selbstständiger ist. Erstens kann er den Fahrpreis nicht selbst bestimmen. Wenn er wirklich selbstständig wäre, könnte er selber entscheiden wieviel es kostet, um jemanden von A nach B zu fahren. Das kann er aber nicht, weil Uber ihm das vorschreibt. Und zweitens kassiert Uber 20 Prozent Gebühren pro Fahrt.  Damit  handelt es sich um ein  klassisches Arbeitsverhältnis. Aber die Plattformanbieter dieser Welt schlagen sich in die Büsche – sie zahlen keine Steuern, keine Sozialversicherungsbeiträge und keinen anständigen Grundlohn.

Was kann man dagegen tun?

Mit der EU-Kommission diskutieren wir eine neue Definition des  Arbeitgeber- und –Arbeitnehmerbegriffs, der festlegt, wer eigentlich welche Rechte und Verpflichtungen hat. Weil diese Dienstleistungen weltweit angeboten werden, kann es dafür keine nationalen Regelungen geben. Da ist die europäische Ebene eine Mindestvoraussetzung. Langfristig brauchen wir dafür eigentlich globale Spielregeln.

Da Du die europäische Ebene ansprichst, inwiefern werden eure Einschätzungen zur Arbeitswelt der Zukunft mit den anderen europäischen Gewerkschaften geteilt? Gibt es da eine gemeinsame Perspektive oder sind die Vorstellungen sehr unterschiedlich?

Die europäischen Gewerkschaften teilen viele Vorstellungen, nur sind die Voraussetzungen sehr unterschiedlich. In den südeuropäischen Ländern, wo eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent und mehr herrscht, ist der Zugang zu diesen Themen völlig anders. Aber auch hier haben wir Gemeinsamkeiten.

Denn die  rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt durch Digitalisierung und Globalisierung setzen überall Entgrenzungsprozesse in Gang, und  die Menschen sind überall verunsichert, egal wie die nationalen Voraussetzungen aussehen. Sie fragen sich überall, ob sie wirklich noch mit 60 eine Weiterbildung beginnen müssen, oder ob sie es mit ihrer derzeitigen Arbeitsstelle bis zur Rente schaffen. Und viele denken nicht nur an sich, sondern auch an ihre Kinder und Enkel und fragen sich, was ihnen geboten wird. Dem Wohlstandsversprechen – meine Kinder werden es einmal besser haben als ich –glauben viele nicht mehr

Dieser Kontrollverlust führt zu einer Vertrauenskrise in etablierte, politische Institutionen. Die Menschen trauen ihnen nicht zu, diese Umbrüche zu gestalten. Sie wenden sich auch dadurch Rechtspopulisten und deren einfachen Lösungen zu. Protektionismus, Rassismus und Ausgrenzung sind aber keine Lösung, sondern eine weitere Gefahr. Die Gewerkschaften, die prinzipiell für Weltoffenheit und Antirassismus stehen, müssen damit umgehen. Die Beschäftigten wollen neue Sicherheitskontexte, Haltepunkte als Orientierung bei der Arbeit und im Privatleben.

Welche Rolle kann die EU spielen beim Bau dieser benötigten Sicherheitskontexte?

Die europäische Säule der sozialen Rechte könnte zum Beispiel eine zentrale Rolle spielen. Dafür müssen wir mehr erreichen als nur den Erhalt des Status quos sozialer Standards, der letzten sechs Jahrzehnte in Europa. Wir brauchen auf dem Arbeitsmarkt und in der Sozialpolitik mehr und bessere europäische Standards. Der Wettlauf nach unten, bei Löhnen, bei sozialen Errungenschaften, die immer längeren Arbeitszeiten stellen weder eine ökonomisch, noch eine sozial sinnvolle europäische Antwort auf Globalisierung und Digitalisierung dar. Die Säule der sozialen Rechte ist eine große Chance. Das ist auch ein Verdienst der EU-Kommission. Jetzt kommt es aber darauf an, dass die EU-Mitgliedstaaten diese Säule mit Leben füllen. Dafür muss sie die europäische Normsetzung in den nächsten Jahren vorantreiben.

Die progressiven Kräfte in der Gesellschaft, ob politische Parteien oder europäische  Gewerkschaften, müssen gemeinsam die Auseinandersetzung für ein solidarisches Europa führen. Wir müssen Antworten geben auf diese Herausforderungen. Antworten, die weit hinausgehen über den Status quo. Der Anspruch ist, die Modernisierung zu gestalten, von der Infrastruktur, über die  europäische Energiewende, bis zur Guten Arbeit.

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